Zum Sauren Einhorn – Kapitel 1 (unkorrigiert/unlektoriert – vorab für Abonnenten)

Wyligby Goltry – der Einfachheit halber nannten ihn alle Igby – arbeitete in dem großen Gasthof, seit er denken konnte.
Er war eine Waise.
Man hatte ihm erzählt, dass es eine dunkle und stürmische Nacht gewesen war, als die Poores ihn vor ihrer Tür gefunden hatten. Ausgesetzt. Nur in eine Decke gewickelt und in einen kleinen Weidenkorb gelegt, weil ihn niemand hatte haben wollen, so sagten sie. Daher verdankte Igby – wie die Poores es nie müde wurden zu betonen – sein Leben nur der Großzügigkeit der Wirtsleute.
Da Igby ein einfacher Bursche und recht gutmütig veranlagt war, zweifelte er diese Worte nie an und tat, was man von ihm verlangte. Er mistete den Pferdestall, er schrubbte die Dielen, er warf die allzu Betrunkenen hinaus, wenn Poore es von ihm verlangte, und viele solcher Dienste mehr. Alles verrichtete der junge Wyligby ohne sich zu beklagen – er redete ohnehin nie sehr viel.

Aber nur, weil er nicht darüber sprach, bedeutete das nicht, dass er keine Träume und Sehnsüchte hatte.

Manchmal, wenn alle schon schliefen, schlich sich der Junge auf das Dach des ›Sauren Einhorns‹, legte sich auf das dicke Stroh, mit dem es gedeckt war, und sah in die Sterne. Dann malte Igby sich aus, was damals vor fast sechzehn Jahren tatsächlich passiert war.
In seiner Fantasie hatte sich das alles nämlich ganz anders abgespielt. Von wegen ›niemand hatte ihn haben wollen‹. Mitnichten! Seine Mutter hatte ihn – schweren Herzens und unter bitteren Tränen – weggeben müssen. Um ihn zu beschützen. Vielleicht war sie eine Prinzessin auf der Flucht gewesen. Das war doch möglich? Schließlich gab es zwölf Königreiche in Panagrapa und da hatte es gewiss keinen Mangel an Prinzessinnen in Not.
Und immer, wenn er sich diesen Träumen hingab, lächelte Igby. Zu wissen, dass er ein Prinz in Verkleidung war, der eines Tages wieder nach Hause geholt werden würde, machte ihn froh – besonders, wenn sein Alltag es nicht tat.

So vergingen die Tage für den Jungen, einer so gut oder so schlecht wie der andere, und stets angefüllt mit viel Arbeit. Der Wirtshof lag nämlich an der Kreuzung zweier großer Handelsstraßen. Das brachte einen nie abreißenden Strom an Gästen, die meistens für die Nacht oder wenigstens für eine Mahlzeit blieben. Zu Mittag und zum Abendbrot platzte die Gaststube regelmäßig aus allen Nähten. Dann kam auch viel Volk aus der Umgebung, nur um Frau Poores Einhornsauerbraten mit Knödeln zu genießen. So ruppig und missmutig die Wirtin war, sie war die begnadeste Köchin im Umkreis von hundert Meilen. Niemand und nichts konnte sich mit dem Sauerbraten messen, den es hier gab. Daher war der Gasthof sogar nach der Spezialtät benannt: ›Zum Sauren Einhorn‹

***

Auch an diesem schönen Spätsommertag – die Blätter fingen gerade erst an sich zu verfärben – herrschte wieder reger Betrieb im ›Einhorn‹. Igby fegte außerplanmäßig den Boden der Gaststube. Es hatte ein Missgeschick gegeben. Der Wirtin waren gleich vier große Bierkrüge niedergefallen und in tausend Scherben gegangen. Als sei das Igbys Schuld gewesen, hatte Frau Poore ihm hinter die Ohren gehauen und ihm befohlen Ordnung zu machen. Gutmütig wie stets hatte sich der Junge nur über den Kopf gerieben und gehorcht.
Beim Kehren und Aufschaufeln der Scherben fiel Igbys Blick auf einen der Gäste. Es kamen ja alles möglichen Sorten Leute her und Igby hatte schon wirklich merkwürdige Menschen kennengelert. Dennoch war dieser Gast ein besonders komischer Kauz.
Haare und der Bart waren weiß, sein Gesicht selbst sah aber gar nicht so faltig aus. Als wäre der Mann alt und jung zur gleichen Zeit. Er war fast unmöglich zu schätzen. Älter als vierzig, jünger als achtzig. Genauer ging es nicht.
Ein großer Gehstab lehnte am Tisch obwohl der Mann gut laufen konnte. Der Fremde saß nun da und schmauchte eine geschwungene weiße Pfeife, während er Igby beim Fegen zusah.
Der Junge zuckte die Schultern, nur so für sich. Wenn er sich über jeden seltsamen Gast nur fünf Minuten lang den Kopf zerbrechen würde, würden die Stunden des Tages nicht aussreichen und er käme zu nichts anderem mehr. Endlich war das ganze Glas im Ascheeimer und Igby stellte den Besen weg.
Die Tür zur Gaststube flog so heftig auf, dass sie an die Wand schlug. Alle sahen alarmiert dabei zu, wie sich eine Gruppe übel aussehender Burschen hereindrängte. Das waren wirklich große Kerle und allesamt bis an die Zähne bewaffnet. Beim Gehen klapperten sie und als sie sich setzten, schepperte es sogar ein bisschen.
Herr Poore duldete keine Waffen in seinem Haus, aber Igby hatte so seine Bedenken, ob der Wirt es wagen würde, diese Kerle zu entwaffnen. Wagte er natürlich nicht.
»Igby!«, rief der Wirt und der Junge trabte zum Tresen. Poore polierte mit nervösen Bewegungen ein völlig sauberes Glas und Igby sah sich schon wieder Scherben zusammenkehren. »Junge«, sagte der Wirt schroff, »frag, was sie trinken wollen. Und sag ihnen, dass sie die Waffen abgeben müssen.«
Igby warf einen zweiten, gründlicheren Blick auf die fünf Kerle. Keiner von ihnen war unter sechs Fuß groß. Ihre Schultern waren so breit wie zwei Igbys. Einer der Kerle trug Zwillingsschwerter auf dem Rücken, einer eine Axt und ein anderer zwei gekreuzte Gurte mit Wurfmessern, die scharf im Licht schimmerten.
»Aber …«
»Nichts aber, du kennst die Regeln. Mach dich an die Arbeit.« Ohne es zu merken, warf der Wirt das saubere und auf Hochglanz polierte Glas wieder in die Spülschüssel. Igby aber seufzte, dachte sich, dass er schon sehr gerne siebzehn geworden wäre, und nahm ein Tablett. Rasch füllte er es mit fünf Krügen Bier. So Kerle tranken immer Bier, da konnte man nichts falsch machen.
Genau wie erwartet, waren die fünf Männer über das Bier erfreut. Sie griffen johlend nach den Getränken, stießen so heftig an, dass der Inhalt schäumend über den Rand schwappte, und schütteten mehr in ihre Gesichter und auf ihre Wämser als in ihre Münder. Da nannte man gemeinhin ›fröhlich zechen‹. In Wirklichkeit war es einfach nur eine Sauerei.
»Was wünscht Ihr zu essen, meine Herren?«, fragte Igby mutiger, als er sich fühlte.
»Was kannste denn empfehlen, mein Sohn?«, fragte einer der Männer rülpsend. Sein roter Bart war gegabelt und es waren kleine Knochen darin eingeflochten.
»Der Einhornsauerbraten ist gut«, antwortete Igby und versuchte nicht darüber nachzudenken, dass die Knochen im Bart des Raufbolds aussahen, als stammten sie von kleinen Fingern. Vermutlich waren es nur Tierknochen. Ja, ganz bestimmt sogar. Alles gut.
»Einhorn?!«, rief ein anderer, der eine tiefe Narbe auf der Wange hatte. »Ich hatte schon lange kein Einhorn mehr. Meine Mutter selig hat immer wunderbare Einhorn-Pasteten gemacht. Bring uns den Sauerbraten, Junge!«
»Für alle?« Die Männer nickten. Einhorn war immer sehr beliebt, warum sollten Raufbolde da eine Ausnahme bilden? »Kommt sofort. Und ach … ähm …«
Igby schluckte, sein Mund war sehr trocken. Die Worte krümmelten darin herum und das machte es schwer, sie herauszubekommen. »Meister Poore, also der Wirt … also im ›Einhorn‹ … wir …«
Ein dritter der Männer, der fiese schmale Lippen hatte, runzelte die Stirn. »Spuck’s schon aus, Bürschlein.«
Igby schluckte abermals und schloss die Augen. »Wenn Ihr mir bitte Eure Waffen aushändigen würdet?«
Für einen Moment wurde es furchtbar still und der Junge öffnete die Augen wieder. Die Männer sahen sich an, dann lachte der mit dem roten Bart schallend auf. »Jungs, der Knabe will unsere Waffen. Geben wir sie ihm doch!«
Wie ein Mann standen sie auf. Sie lösten Gurte und Bänder und Schnüre und auf Igbys ausgestreckten Armen stapelten sich bald Schwerter und Äxte und Messer – bis der Junge darunter zu schwanken begann und unter lautem Geschepper auf den Hintern fiel. Die Männer grölten laut und gratulierten sich für ihren gelungenen Scherz. Dann nahmen sie ihre Waffen zurück und schließlich kam Igby wieder zum Vorschein.
Er starrte benommen an die Decke. Ihm taten die Knochen weh. Das Gelächter auf seine Kosten tat auch weh, aber damit konnte er leben.
»Auf, Bursche!« Der Rotbärtige zog ihn am Kragen hoch. »Bring uns das Essen und wenn du mal stark genug bist, unsere Waffen zu tragen, dann geben wir sie dir.«
Mit hängendem Kopf schlich Igby in die Küche. Dort kassierte er von Poore eine Backpfeife, weil er den Männern die Waffen nicht abgenommen hatte. Mit einem ergebenen Seufzen wartete der Junge auf das Essen für die Gäste und rieb sich die Wange. Er hatte schon schlimmere Tage im ›Einhorn‹ erlebt, aber der hier legte sich wirklich ins Zeug, den ersten Platz zu ergattern. Mit einem zweiten Seufzen, das resigniert klang, belud Igby sein Tablett.
So war das eben, wenn man er war. Was sollte er da groß tun?

***

Nach diesem wirklich unerfreulichen Tag, lag Igby auf dem Dach und hing seinen Gedanken nach. Es war Neumond und die Sterne waren besonders gut zu sehen. Müßig dachte der Junge darüber nach, ob die Sterne überall die gleichen Namen hatten. Und warum sie überhaupt Namen hatten. Er konnte sich gut vorstellen, dass es den Sternen herzlich egal war, wenn man sie rief.
»Oh, Igby, warum lässt du dir das alles nur gefallen?«
Er erschrak. Noch nie hatte ihn jemand auf dem Dach gestört. Das war sein Zufluchtsort. Der einzige Ort, an dem er für sich sein konnte. Und nun war es ausgerechnet Criseyde Bold – das Mädchen, das im ›Einhorn‹ die Zimmer sauberhielt und das Geschirr spülte – die da auf der Leiter stand und ihn tadelnd ansah.
Ihr blondes Haar war zersaust, wie immer eigentlich. Ihre Locken waren furchtbar widerspenstig, und ihre Stubsnase schaffte es vorwurfsvoll auszusehen. Zusammen mit ihrer gerunzelten Stirn war das irgendwie niedlich.
»Was meinst du?«, fragte Igby und versuchte, zu entscheiden, ob ihn die unerwartete Gesellschaft freute oder störte.
»Na wie die Poores dich behandeln.« Sie stieg die Leiter ganz hoch und kletterte auf das Dach. Ihre Röcke in einer Hand bis über die Knie gerafft, damit sie nicht drüberfiel, und setzte sich neben ihn. »Das ist nicht richtig.«
Was sollte er denn dazu sagen? Sie hatte vermutlich recht, aber er war es gewohnt so behandelt zu werden. Igby kannte und hatte nichts anderes, als diesen Gasthof und die Wirtsleute. Auch wenn die eine ziemlich lausige Familie sein mochten. »Ich schulde ihnen mein Leben. Sie haben mich aufgezogen und geben mir ein Zuhause und Arbeit …«
»Ach Blödsinn!«, unterbrach ihn Crisy unwirsch. »Du sparst denen einen Haufen Geld, weil du für drei arbeitest. Sogar noch mehr als das, sie bezahlen dich ja nicht einmal für eine Arbeit! Und viel zu gutmütig bist du noch obenauf.« Criseyde legte sich flach aufs Dach und sah in den Nachthimmel. »Nett hier oben.«
»Mmh.«
Eine Weile war es still und Igby entschied, dass er sich über die Gesellschaft freute.
»Ich hatte ein kleines bisschen Angst vorhin. Als der Wirt dich zu diesen Kerlen geschickt hat«, sagte Crisy leise.
Kurz überlegte Igby, ob er überhaupt antworten sollte. Und falls, ob er einfach tun sollte, als hätte er sich überhaupt nicht gefürchtet. Aber Criseyde Bold und er kannten sich von klein auf und es gab überhaupt keinen Grund zu schwindeln.
»Ich hatte auch Angst«, gab er zu.
Crisy drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf die Hand und sah ihn an. »Was willst du eigentlich tun, wenn du erwachsen bist? Ich meine, richtig erwachsen – volljährig und so.«
»Darüber hab ich mir nie Gedanken gemacht. Das sind ja noch ein paar Jahre.«
»Sag jetzt nicht, dass du für immer Stallbursche und Servierjungen und … und der Blödmann vom Dienst für alles sein willst?« Empörung ließ Crisys Stimme lauter werden.
»Pscht! Du weckst die Poores«, mahnte Igby. Dann dachte er kurz nach. Was wollte er denn wirklich tun? Was konnte er denn sonst tun? Den Rest seines Lebens weiter im Geheimen darauf hoffen, dass er ein vermisster Prinz war, den man nach Hause holen würde? Das war ja gut und schön, um nach so einem Tag wie diesem auf andere Gedanken zu kommen. Aber für immer?
»Vermutlich werd ich weiterhin den Stallburschen und Servierjungen und Blödmann geben«, sagte er schließlich.
»Du bist wirklich ein Dummkopf«, seufzte Crisy.
»Alle sagen das. Dann muss es wohl stimmen«, entgegnete Igby gutmütig.
Sie schnaufte. Dann, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung, beugte sie sich vor und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Aber du bist wenigstens ein netter Dummkopf, Ig.«
Criseyde stand auf, raffte ihre Röcke und kletterte wieder die Leiter hinab. Bevor sie ganz verschwunden war, sagte sie noch: »Gute Nacht, Igby.«
Der schwieg, denn er war viel zu verblüfft. Die Hand hatte er auf seine Wange gelegt. An die Stelle auf die Crisy ihn geküsst hatte. Verwundet fragte er sich, warum er ihre Lippen noch immer da spüren konnte. Dass Jungs und Mädchen sich küssen, das hatte Igby schon gewusst, aber ihm war das bisher noch nie passiert. Bevor er das Dach verließ, um in seine Kammer auf dem Heuboden des Pferdestalls zu gehen – Poore hatte mit ein paar Brettern einen kleinen Raum abgeteilt, in den gerade ein einfaches Bett und eine kleine Truhe passten – hatte Igby beschlossen, dass er den Kuss mochte. Es war viel besser, als eine geklatscht zu kriegen.

***

Mitten in der Nacht weckte unruhiges Schnauben und Scharren Igby auf. Er saß sofort kerzengrade im Bett. Manchmal kamen Füchse in den Stall, die hinter den Mäusen her waren. Für die Pferde war das kein Problem, aber die Wirtsleute hatten auch einen Haufen Hühner. Wenn da ein Fuchs einbrach und Igby hatte es nicht verhindert, gäbe das gewaltigen Ärger. Also schwang sich der Junge aus dem Bett – noch ganz schlaftrunken – griff nach seiner Hose, schlüpfte zunächst verkehrt herum hinein, korrigierte den Fehler und tappte zur Leiter. Er wollte gerade runterklettern, da hörte er Stimmen und hielt inne. Nicht, weil Igby ein Lauscher war, nein, ganz und gar nicht. Aber was hatten Leute um diese Nachtstunde im Stall zu suchen? Das war nicht in Ordung. Vielleicht war es wichtig, zuzuhören.
»Das ist nie Euer Ernst nich’«, sagte jemand. Die Stimme gehörte einem der fünf Raufbolde, die sich im ›Einhorn‹ einquartiert hatten. Dem Kerl mit dem roten Bart. Seine Leute hatten ihn Rufus genannt.
»Natürlich ist das mein Ernst. Meinst du etwa ich treibe Scherze und vergeude meine Zeit in diesem … Gasthof, wenn es nicht wichtig wäre?« Diese Stimme kannte Igby nicht. Sie klang ein bisschen nasal, als hätte der Redner Schnupfen, und sie hatte den Klang, den gebildete Leute hatten. Die vermeideten gerne den Dialekt, den die normalen Menschen im Königreich sprachen. Dialekt, wie ihn Rufus sprach. Und das recht breit. Er hatte wohl ein paar Bier zu viel gehabt.
»Ja, nee … Is’ mir schon klar, dass irgendwas hier wichtig is’. Aber der? Echt?«
Der Gebildete seufzte. »Ich bezahle weder dich noch deine Männer dafür, dass ihr denkt. Mach einfach, was ich sage. Morgen versuche ich zuerst den diplomatischen Weg. Für den Fall, dass dieser scheitert, haltet euch bereit. Gleich wie es ausgeht, wir brechen so oder so morgen auf.«
»Aber erst nach dem Essen, oder?« Jetzt klang der Raufbold besorgt.
»Ja, meinethalben erst nach dem Essen.«
»Gut. Der Einhornsauerbraten hier ist nämlich verdammt gut.«
Die Schritte beider Männer entfernten sich und die Stalltür schlug zu. Igby ging wieder in seine Kammer. Normalerweise zerbrach er sich über die Geschäfte der Gäste nicht den Kopf. Aber diesmal war etwas merkwürdig. Ein gebildeter Mann, vielleicht ein Magister sogar, und dann diese rauen Gesellen? Da passte was nicht zusammen, so wenig wie Schweinemett auf Zuckerkuchen passte.
Während Igby darüber nachgrübelte, ob er Poore von diesem Gespräch berichten sollte, schlief er ein.

***
Drei Monate zuvor.
Akademie der Hohen Arkanen Künste zu Biderogg

Die magische Akademie zu Biderogg war ein sehr alter und sehr ehrwürdiger Ort.
Der augenblickliche Aufruhr, der herrschte und die Unruhe, die Hallen und Konferenzräume erfüllte, passten überhaupt nicht zu dieser Institution. Es war schlichtweg würdelos, dass die knapp dreihundert Bewohner der ausgedehnten Bauten der Akademie nun herumrannten wie kopflose Hühner.
Das von Panik erfüllte Gegacker verursachte Hippasus Tindell Kopfschmerzen. Die von der üblen Sorte, die sich anfühlte, als würde von innen ein Dampfhammer unerbittlich gegen die Stirn schlagen. Er stopfte sich eine Pfeife mit seiner besonderen Tabakmischung. Normalerweise beruhigte ihn das. Heute aber war er allein schon über das Verhalten seiner Kollegen so erbost, dass ein Pfeifchen zu schmauchen kaum ausreichen würde.
Meister Tindell fand es durchaus unter seiner Würde, sich so lächerlich zu benehmen. Ganz gleich wie schlecht die Nachrichten aus dem Norden sein mochten. Und er konnte beim besten Willen nicht verstehen, dass es den anderen nicht ebenso erging. Man hätte doch zumindest von den obersten Eingeweihten etwas Haltung erwarten können.
Die anderen Erzzauberer der zwölf Königreiche, die um den großen Tisch versammelt waren, riefen aber alle durcheinander und bestärkten einander in ihrer Kopflosigkeit, statt sich endlich zu beruhigen. Nachdem seine Pfeife endlich brannte und er den ersten tiefen Zug des aromatischen Krautes genommen hatte, schnippte Tindell mit dem Finger. Sofort zuckte ein Blitz unter der Decke des Ratsraumes, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donner. Eine Kleinigkeit für Hippasus, war er doch ein Eingeweihter der zwölften arkanen Stufe. Dennoch erfüllte der Trick seinen Zweck: Es wurde totenstill im Rat.
»Danke für die Aufmerksamkeit, liebe Brüder.« Zufrieden sah Tindell in die Runde voller schreckensbleicher Gesichter. »Können wir nun besonnen erörtern, was wir tun wollen? Sehr schön. Magier Abira, bitte lest uns die Nachricht doch noch einmal langsam vor.«
Abira stand auf, seine Hände zitterten sichtlich, als er das Pergament auseinanderfaltete. Der Mann räusperte sich nervös und musste zweimal ansetzen, bevor seine Stimme genug Kraft hatte, um alle Ohren im Saal zu erreichen.
»Diese Nachricht erschien vor drei Tagen auf den Frühstückstischen aller zwölf Könige von Panagrapa. Direkt zwischen Marmelade und Butter.« Er deutet auf den Fettfleck, der das Pergament verunzierte und die Aussage bestätigte. »Und sie liest sich wie folgt:

Guten Morgen, Majestäten,
Wir möchten Euch nicht lange von Eurem Frühstück abhalten – obwohl Wir es wagen zu vermuten, dass Euch der Appetit vergeht, sobald Ihr zu Ende gelesen habt.
Dennoch machen Wir Unsere Nachricht kurz und bündig:
Übergebt Uns bis Silvester um Mitternacht, die Schlüssel Eures Reiches, samt Krone und Vollmacht.
Tut dies, ohne Widerstand und Wir werden Uns erkenntlich zeigen.
Widersetzt Euch und Ihr werdet es bitter bereuen.
So Ihr nun vermeint, dass es sich hierbei um einen Scherz von Uns handelt, verstehen Wir ein solches Missverständnis durchaus.
Daher hat es Uns beliebt an der Grenze von Travindel ein kleines Beispiel zu hinterlassen. Ein Exempel, wie unklug Widerstand wäre. Es kann dort betrachtet werden.
Die Übergabe Eurer Regierungsangelegenheiten, erwarten Wir also bei voller Kooperation bis Silvester um Schlag Mitternacht.
Habet Dank,
Nechtan Nahr, der dreizehnte König.

Damit endet die Botschaft.«
Nach all dem Lärm zuvor war die Stille nun betreten. Sehr betreten. Man merkte der Stille an, dass sie gern woanders hingegangen wäre. Irgendwohin, wo es angenehmer war sich auszubreiten. Auf einem Friedhof vielleicht.
Jemand räusperte sich. »Und das Beispiel an der Grenze? Wurde es schon bestätigt?«
Abira nickte und nahm einen anderen Brief. »Dies hier haben wir heute in der Früh erhalten. Soll ich es auch vorlesen?«
Tindell nickte ungeduldig und machte einen auffordernde Geste. »Und langsam bitte, so dass jeder mitschreiben kann.«
Die anderen Ratsmitglieder sahen sich verwundert an, zum Mitschreiben waren sie seit ihrer Schulzeit nicht mehr aufgefordert worden. Er warf einen scharfen Blick auf seine Mitbrüder und eilig wurden Federn und Papier herbeigezaubert.
Abira wartete bis alle bereit waren und las vor, was geschehen war. Es war nicht gut, doch das Aufschreiben verhinderte eine erneute Darbietung von ›panisches Hühnergegacker‹. Vielmehr stellten sie nun alle Fragen. Die waren vielleicht nicht hilfreich, aber doch einigermaßen vernünftig.
»Was sollen wir jetzt tun?«
»Hat schon einmal jemand von diesem Nechtan Nahr gehört? Er muss doch von irgendwoher gekommen sein.«
»Nein, noch nie. Und überhaupt: Wer soll das sein? Ein dreizehnter König? Das hat es in Panagrapa noch nie gegeben.«
»Er muss ein mächtiger Zauberer sein. Anders ist das in Travindel nicht zu erklären.«
»Wenn er ein so mächtiger Zauberer ist, dann muss er hier gelernt haben.«
»Nicht alle lernen hier.«
»Nein, die Heckenzauberer und Kräuterhexen nicht, aber du wirst ja nicht behaupten, dass so jemand fähig wäre …«
Hippasus ließ sie noch eine Weile spekulieren. Es war gut für sie. So bekamen sie das Gefühl, die Situation sei nur ein normales Problem, das man mit Logik lösen konnte. Aber längst war Tindell klar, dass sie mehr Informationen brauchten. Viel mehr. Aber wozu waren sie an einer magischen Akademie?
»Meine Herren«, unterbrach er schließlich die Gespräche, »wir müssen einfach mehr wissen. Also schickt Eure besten Akolythen ans Werk und widmet Euch auch selbst Eurer bevorzugten Divinationsmethode. Nur bitte kein Lesen im Gekröse. Das ist ausgesprochen unappetitlich und doch mehr etwas für die Heckenzauberer.«

Die Akademie zu Biderogg vereinte die besten, die klügsten und einfallreichsten Köpfe von ganz Panagrapa. Tindell fand es absolut unangemessen, dass es über einen Monat dauerte, bis sich endlich ein Bild abzeichnete. Und dann noch ein Bild, das wirklich keinem gefiel. Wäre es ein wirkliches Bild gewesen, man hätte es sofort übermalt. Aber es gab nichts zu leugnen, die Zeichen, die die Astrologen aus den Bewegungen der Sterne lasen, standen sozusagen auf Sturm.
Nechtan Nahr war echt und er war eine sehr echte Bedrohung. Die Magier befragten die Runen und die Karten und den einen oder anderen Dämonen – und alle sagten das Gleiche: Keiner der zwölf rechtmäßigen Herrscher von Panagrapa, noch deren Armeen, würden den dreizehnten König besiegen.
Zuerst folgte dieser Erkenntnis ein Tag des Schweigens. Das Schweigen war dem Kater geschuldet, den sich die verzweifelten Zauberer in der Nacht zuvor angetrunken hatten. Unter diesen Umständen hatte sich sogar Meister Tindell an dem stummen und ganz und gar nicht fröhlichen Trinkgelage beteiligt. Und dann kam ausgerechnet der Bibliothekar – in Tindells Augen nicht wirklich ein vollwertiger Zauberer und nur deshalb in den Diensten der Akademie, weil sonst keiner Lust hatte Bücher abzustauben und zu sortieren – und brachte die Lösung.
Didden stürmte in den Frühstückssaal. »Ich hab es!«, rief er unnötig laut.
Die Antwort darauf war erstmal ein allgemeines Stöhnen, dass er um Himmels willen die Klappe halten sollte.
Tindell musterte den aufgeregten kleinen Mann. Die Haare standen ihm in alle Richtungen und die geröteten Augen kamen nicht vom Trinken. Vermutlich hatte Didden die ganze Nacht gelesen. »Was habt Ihr?«
»Die Lösung, natürlich! Ich habe sie gefunden. In den alten Chroniken von Panagrapa.«
Was konnte da schon drin stehen, dass in dieser Situation hilfreich sein mochte? Aber sei’s drum. »Nun, Meister Didden, dann erleuchtet uns bitte.«
Didden lief aufgeregt einmal um den Tisch und verteilte dabei Blätter. »Ich habe Abschriften gemacht, die Herren. Ihr könnt Euch selbst ein Bild machen.«
Tindell nahm das Pergament und überflog es. »Ist das Euer Ernst? Ein auserwählter Knabe?«
»Das ist eine gute, alte Tradition, was Prophezeiungen angeht«, warf der Runenmeister ein.
»Stimmt«, bekräftigte ein Kollege zu seiner Rechten. »Wer will schon mit den Traditionen streiten? Kinder sind gern mal auserwählt.«
Tindell verzog das Gesicht. »Und natürlich eine Waise. Warum müssen es eigentlich immer Waisen sein?«
»Hat auch Tradition«, sagte der Runenmeister.
»Wegen der Eltern«, sagte der Bibliothekar etwas vernünftiger. »Die haben normalerweise Einwände, wenn man ihre Kinder mitnimmt, damit sie eine Prophezeiung erfüllen. Bei Waisen vereinfacht sich der ganze Prozess wesentlich.«
Das ergab natürlich Sinn, aber es war so ein Klischee. Tindell seufzte. »Nun denn, lasst uns Nachrichten an die Königshäuser senden und sie über den Durchbruch informieren.«

Nach der Post kam die Politik. Etwas, von dem sich Meister Tindell fernhielt. Ein Zeitvertreib für Menschen, die sich gern in die Niederungen des Menschlichen begaben. Ein Eingeweihter wie er strebte doch nach höhren Dingen. Aber es half nichts, die zwölf Majestäten – alle stark beunruhigt – mussten dem Plan erstmal zustimmen. Und dazu mussten ihre jeweiligen Erzmagier sie natürlich zunächst von der Richtigkeit der Prophezeiung überzeugen. Ungeduldig wartet Tindell auf die Antworten und schließlich – fast ganze zwei Monate nachdem die unglückselige Angelegenheit begonnen hatte – erteilten ihm alle zwölf Könige den offiziellen Auftrag, den Knaben zu finden.
Sie stellten ihm Gelder und Leute zur Verfügung, doch Tindell lehnte ab. Würde er mit einer Entourage von Rittern durch das Land ziehen, würde das Nechtan Nahr nur warnen. Denn der wäre ein Narr, hätte er nicht überall seine Spione. Also ließ man alle im Glauben, dass die Könige die Kapitulation vorbereiteten und Hippasus Tindell begab sich auf seine Mission, nur von fünf ungeschlachten Heuerlingen begleitet, die wohlweislich getrennt von ihm reisten und immer einen Tag hinter ihm blieben.

Bis jetzt. Jetzt waren sie angekommen und alle in diesem Gasthof einquartiert.
Einen Ort, an dem man jemanden wie Hippasus Tindell für gewöhnlich niemals finden würde. Als Eingeweihter der zwölften arkanen Stufe war er ein wirklich, wirklich kluger und belesener Mann. Für gewöhnlich gab er sich nur mit seinesgleichen ab. Wobei ihm bereits die Eingeweihten der niedrigen Stufen viel Geduld abverlangten. Und mit den Akolythen versuchte Tindell gar nicht erst zusammenzustreffen.
Das Gleiche galt für völlig gewöhnliche Menschen – wie seine fünf Heuerlinge. Es gab mehr als nur einen guten Grund, dass er sie hinter sich herreisen ließ.
Und es galt für Orte wie diesen, an dem sich gewöhnliche Leute so gern aufhielten. Fernab seines Zuhauses, an solch einem Platz wie den ›Sauren Einhorn‹ zu sein, war für Meister Tindell in etwa so unpassend, wie es eine Krone für ein Schwein gewesen wäre. Oder um es in einfachen Worten zu sagen: Tindell verabscheute diesen Ort.
Er verabscheute das einfache, dumme Volk, dass hier saufend, grölend und fressend zusammensaß. Und allein, dass er sich in diese Niederungen begab, sprach für die Dringlichkeit der Sachen. Die Götter erwiesen ihm besser angemessen große Dankbarkeit für diese Selbstaufopferung.
›Für den höheren Zweck‹, dachte der Magus bei sich. ›Der höhere Zweck ist wichtig.‹
Sein Teller mit einfachem Brot und ein wenig Käse stand noch unberührt da, während sich seine angeheuerten Helfer zwei Tische weiter die Bäuche mit Knödeln und Einhorn vollschlugen. Und damit sich das Essen in ihrem Bäuchen nicht so einsam fühlen sollte, schütteten sie reichlich Bier nach. Für einen Moment war Hippasus geneigt, sie zu tadeln, sie daran zu erinnern, dass sie eine Aufgabe zu erfüllen hatten und dass er keinen roten Heller bezahlen würde, wenn sie betrunken von den Pferden stürzten. Doch dann erkannte er, weiser Mann, der er war, dass das wenig Erfolg versprach und trank seinen Apfelsaft.
Der Junge fegte den Boden und warf hin und wieder einen misstrauischen Blick auf die Helfer und auch auf Tindell selbst. Schließlich war der Boden wohl sauber genug und der Bursche verschwand in der Küche.
Es war verblüffend. Solch ein wichtiger Knabe und hier war er und verrichtete die gewöhnlichsten Arbeiten. Er sah aber auch recht gewöhnlich aus. Das musste Hippasus zugeben. Er hatte sich den Jungen doch anders vorgestellt. Nicht so … nicht gar so … nicht besonders. Ein eher kleiner Kerl, grade mal fünf Fuß und nichts groß. Die krumme Haltung würde Hippasus ihm als erstes austreiben. Es ging überhaupt nicht an, dass jemand so Bedeutsames, krumm wie ein Fragezeichen daherkam. Und die zotteligen mausbraunen Haare … Der Magus merkte nicht, dass er leise vor sich hinseufzte. Die Haare sahen aus, als würde der Bursche sie selbst schneiden. Mit einem stumpfen Messer. Die Kleidung war geflickt und die Flicken waren auch geflickt. Das einzige anständige Stück Stoff an seinem – übrigens sehr dünnen – Leib, war eine strahlend weiße Schürze.
Meister Tindell hatte solche Zweifel gehabt, dass dies der richtige Knabe war, dass er einen ganzen Abend lang die Orakel befragt hatte. Aber es war eindeutig: Der Wirtssohn war der Auserwählte. Nur seltsam, dass die Prophezeiung in dem Punkt mit dem Waisenkind geirrt hatte. Aber das tat nichts zur Sache.
»Herr, wünscht Ihr noch etwas?«
Hippasus zuckte zusammen, er war so in seine Gedanken vertieft gewesen, dass er überhaupt nicht wahrgenommen hatte, dass der Wirt an den Tisch getreten war. Aber umso besser. Den musste er ohnehin sprechen.
»Setzt Euch doch zu mir, Meister …?«
»Poore, der Herr, wenn es genehm ist. Wafeeq Poore.«
Der Magus bemühte sich um ein, wie er hoffte, joviales Lächeln. »Setzt Euch bitte einen Augenblick, Meister Poore. Ich habe da eine Angelegenheit zu besprechen, die Euren Sohn betrifft.«
»Sohn? Igby? Der ist nicht mein Sohn.« Der Wirt lachte, als wäre die Vorstellung unglaublich lustig.
Ein blondes Mädchen, das gerade das Geschirr vom Nebentisch abräumte warf einen bösen Blick zum Wirt und fuhr mit der Arbeit fort.
»So? Wer ist der Knabe dann?«
»Eine Waise.« Also doch. Prophezeiungen konnten sehr stur sein, wenn es um die Tradition ging. »Wyligby Goltry nennen wir den Nichtsnutz. Lag eines nachts vor der Haustür und hat gebrüllt. Und weil meine Frau so eine gute Seele ist, hat sie mich überredet, ihn aufzunehmen.«
»Und woher hat er dann den Nachnamen?«, fragte Tindell.
»Ach, nur so. Ich meine, ein anständiger Mensch braucht doch einen Nachnamen. Und bei uns im Dorf gibt’s keine Goltrys, da haben wir gedacht, nehmen wir das.«
»Ah, ich verstehe. Klingt … ähm, einleuchtend. Nun, was habt Ihr Euch denn für die Zukunft des Jungen so vorgestellt?«
»Zukunft? So einer hat doch sowas gar nicht«, lachte Poore auf. »Der arbeitet hier und das ist es.«
»Mmh…« Gedanken verloren zündete Hippasus seine Pfeife an. Der Junge war tatsächlich eine Waise und der Wirt schien nicht groß an ihm zu hängen, das machte die Angelegenheit doch einfacher, als er gehofft hatte. »Dann hätte ich da einen Vorschlag für Euch, Meister Poore.«
Als er zu Ende gesprochen hatte, kam ein empörtes Schnauben vom Nebentisch, das Mädchen warf ihm einen Blick zu, der ihn kurz zusammenzucken ließ. Dann nahm sie ihr Tablett und eilte in die Küche. Komisches Mädchen. Aber Frauen waren Tindell generell eher unheimlich.
»Also Meister Poore, sagt mir …«, Tindell ließ einige Goldmünzen auf den Tisch fallen, »werden wir uns einig?«