Feentor – Kapitel 1 ‘Sommerfrost’

Vor einem kleinen, strohgedeckten Haus saß eine junge Frau auf einer Holzbank.
Ihr goldblondes Haar hing ihr offen über den Rücken. Ansonsten war sie splitterfasernackt.
Hätte man der ehemaligen Komtess vor nur einem Jahr gesagt, dass sie sich dereinst so unschicklich benehmen und dabei nicht einmal das geringste bisschen Scham empfinden würde, sie hätte entsetzt widersprochen.
Es war viel geschehen, seit sie Adyra vom Greifberg gewesen war. Gedankenverloren rieb sie ihr Handgelenk. Das alles war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Dinge, die sie niemals für möglich gehalten hatte, gehörten nun zu ihrem Alltag.
›Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden‹, dachte sie.
»Das ist ja ein skandalöser Anblick.«
»Selber«, gab Adyra trocken zurück.
Ihr Verlobter sah auf seine Unterhose und grinste. »Immerhin trage ich noch etwas. Auch wenn es wenig ist.«
»Es ist mitten in der Nacht. Niemand sieht mich – von dir abgesehen.«
»Ich beschwere mich ja gar nicht.« Roja setzte sich neben sie. »Hat dich auch die Hitze geweckt?«
Sie nahm seine Hand, ohne eine Antwort zu geben. Das tiefe Blau der Sommernacht umgab sie und gemeinsam lauschten sie den Grillen. Die Sterne funkelten am wolkenlosen Himmel und Fledermäuse huschten lautlos über ihre Köpfe. Der Kräutergarten, der das Häuschen umgab, stand in voller Blüte und der Lavendel verströmte seinen beruhigenden Duft. Es war schön, einfach ein wenig zu verweilen.
Neben der Bank stand ein großer Rosmarinbusch. Dessen Zweige raschelten und es kam eine dreifarbige Glückskatze zum Vorschein. Offenbar hatte das Tier gerade einen nächtlichen Beutezug erfolgreich beendet.
»Hallo, Miez. Na, eine schöne, dicke Maus erwischt?«, fragte Roja.
Mit einem gurrenden Miau, das wie eine Antwort auf die Frage klang, sprang die Katze zu ihren Menschen auf die Bank, machte es sich bequem und fing an, sich zu putzen.
Nach einer Weile gähnte Roja so heftig, dass man seinen Kiefer knacken hörte. »Ich muss morgen in den Laden.«
»Und ich zu Lesi.«
»Sollen wir wieder ins Bett?«
Adyra nickte. Auf dem Weg hinein, rieb sie wieder ihr Handgelenk. Das silbrige Mal in Form einer Schneeflocke, das sich dort befand, brannte vor Kälte.

Früh am nächsten Morgen verließen Adyra und Roja gemeinsam das Haus.
Beide waren, so gut es ging, auf die drohende Hitze des Tages vorbereitet. Adyra trug ihr leichtestes Sommerkleid und hatte auf Unterwäsche verzichtet – eine der Freiheiten ihres neuen Lebens, niemand schrieb ihr vor, was sie anzuziehen hatte. Die Haare hatte sie unter einem Sonnenhut verborgen und im Sammelkorb, der über ihrem Arm hing, war eine Flasche Wasser. Auch Roja hatte seine dünnsten Kleider an und die Hemdsärmel bereits jetzt hochgekrempelt. Im Allerlei-Laden seines Onkels würde es furchtbar heiß werden.
An einer Kreuzung verabschiedeten sie sich voneinander und Adyra schlug den Weg zum ›Hirsch‹ ein, Tiefwalds bester und schönster Gasthof. Er lag nur etwa zwanzig Minuten entfernt am Rande der Stadt.

Um diese Zeit war die Gaststube leer. Adyra ließ sich an einem der Tische nieder.
»Ihr habt es kühl«, bemerkte sie.
»Das liegt nur an den dicken Steinmauern«, erwiderte die Tochter der Hirsch-Wirtin und stellte ihrer Freundin ein großes Glas Wasser hin. »Bis zum Mittag ist es auch hier drin ein Ofen.«
Adyra trank durstig und wünschte sich, das Wasser wäre etwas kühler. »Wir sollten bald losgehen. Zur Mittagshitze möchte ich nicht mehr draußen sein.«
»Ja, das stimmt. Niemand will einen Sonnenstich. Ich hole noch meinen Hut und den Korb. Oh, und ich muss dir unbedingt was erzählen! Bin gleich wieder da.«
Neugierig sah sie der Freundin nach, die mehr hüpfte als ging. Das mussten ja großartige Neuigkeiten sein. Lächelnd hob Adyra ihr Glas und hielt inne. Erschrocken starrte sie die Eisblumen an, die sich rundherum gebildet hatten. Langsam, als hätte sie Angst, dass das Glas kaputtgehen könnte, stellte sie es wieder auf den Tisch. Nun schmolzen die Eisblumen binnen weniger Augenblicke, als wären sie nie da gewesen.
›Ich bin zwar eine Hexe und hab mir kühleres Wasser gewünscht, aber das ist absurd.‹
Beunruhigt und zugleich neugierig nahm Adyra das Glas wieder auf und probierte einen Schluck. Das Wasser war angenehm kühl und sie leerte es. Zuerst das Mal, das sie mit seinem Brennen in der Nacht geweckt hatte und jetzt das. Hier war eindeutig etwas Merkwürdiges am Werk. Adyra seufzte. Wenn in ihrer Welt etwas merkwürdig war, dann konnte das leicht bedeuten, dass sie es bald mit Geistern, Göttern oder Monstern zu tun bekam.
›Oh nein, bitte nicht schon wieder‹, dachte die junge Frau. ›Warum denn immer ich?‹

Die Neuigkeiten waren so gut, dass Lesi fast vergaß, richtig abzubiegen.
»Oh, wir müssen ein Stück zurück, entschuldige. Ich bin so aufgeregt, dass Gawen zu Besuch kommt.«
»Wirklich? Hab ich gar nicht gemerkt«, sagte Adyra trocken und die Wirtstochter warf ihr einen strengen Blick zu. »Tut mir leid. Ich weiß ja, wie verliebt ihr seid. Und ich freue mich ehrlich für dich.«
Lesi hatte sich an Beltane in den Sohn eines Silberschmiedes aus der Nachbarstadt verliebt – und er sich in sie. Bei beiden hatte die Verliebtheit gehalten und nun war die Freude natürlich groß, dass sie gemeinsam Mittsommer feiern konnten.
»Ich wünschte nur, Mutter wäre nicht so furchtbar streng. Sie lässt ihn bei Manu in der Kammer schlafen.«
Adyra lachte auf. Ilsena hatte ihre Prinzipien. »Also kein heimliches Techtelmechtel für euch? Ihr Armen.«
»Sie bräuchte sich gar nicht so anzustellen. Sie weiß doch, wie das ist, wenn man jung und verliebt ist.«
»Vermutlich genau deshalb. Wo führt dieser Weg eigentlich hin? Ich glaube, hier war ich noch nie.«
Im Wald, der die Stadt umgab, kannte sich Adyra gut aus. Dieser Weg aber verlief zwischen den Feldern und Weiden. Vermutlich führte er zu den Hügeln, die sich ein gutes Stück hinter Tiefwald erstreckten. Bei allem, das Adyra beschäftigt hatte, seit sie hier lebte, war sie einfach noch nicht dazu gekommen, die ganze Gegend zu erkunden.
»Wir sind gleich da. Glaub mir, es wird sich lohnen. Dort wächst das schönste Sonnwendkraut. Du wirst die Stelle lieben.«

Vor ihnen lag ein großer Weiher, umgeben von einer wunderschönen, wilden Wiese. Dutzende Libellen zischten über das Wasser. Sie glitzerten in der Sonne wie fliegende Edelsteine.
»Das ist der Eisweiher von Tiefwald«, erklärte Lesi. »Es gibt hier eine Quelle, aus der er sich speist. Daher wächst hier alles trotz der Hitze so üppig.«
»Du hast recht, ein schöner Platz und das Sonnwendkraut ist großartig. Lass uns sammeln.«
Rasch füllten sich ihre Körbe mit dem reich blühenden Kraut, dessen sonnengelbe Blütenblätter die Finger rot färbten, wenn man sie zerrieb. Es half gut gegen schlechte Stimmung im Winter und im langen Tiefwalder Winter konnte man schnell eine schlechte Stimmung entwickeln.
»Wenn man von hier aus weitergeht, kommt man zum Feenhügel«, sagte Lesi, die Adyra die Umgebung erklärte.
»Feenhügel?« Ein unpassender Kälteschauer rann Adyras Rückgrat hinab.
»Aber ja. Ich dachte, du hättest die ganzen alten Geschichten der Gegend gesammelt. Warst du etwa nachlässig?«, frage Lesi neckend.
»So lange lebe ich noch nicht hier, dass ich alle Geschichten kenne.«
»Niemand kennt alle Geschichten. Jedenfalls ist dort hinten unser Feenhügel. Man sagt, dass man Obacht geben muss, um in Vollmondnächten die Holden nicht beim Tanzen zu stören. Was hast du denn? Schau nicht so. Das ist nur ein uralter Grabhügel. Von ganz früher, hab ich in der Schule gelernt. Das Volk, das damals hier gelebt hat, hat seine Fürsten so bestattet.«
»Ich kenne solche Orte vom Hörensagen. Im Bergkönigreich werden solche Hügel abgetragen und eingeebnet – um den Volksglauben daran auszurotten. Ich habe nie einen intakten gesehen.«
Lesi runzelte die Stirn. »Die machen keine halben Sachen in deinem alten Heimatland, was?«
»Nein«, sagte Adyra mit einem Seufzen. »Wirklich nicht. Was sagt man denn über dieses Grab?«
»Natürlich dass ein Goldschatz darunterliegt. Der Fürst wurde mit einer goldenen Kutsche bestattet und seinen besten Pferden und Hunden. Das ist wahr, weißt du? Das mit den Tieren. Sie haben vor hundert Jahren ein Hügelgrab aus dem Weg schaffen müssen. Wegen der Königsstraße. Sie haben die Knochen von einem Menschen und von Tieren drin gefunden. Dazu noch Tonkrüge und etwas, das mal ein Schwert war, aber sicher nichts aus Gold. Sie haben dann alles wieder an einer ruhigen Stelle bestattet.«
»Das ist anständig«, sagte Adyra. In ihrer alten Heimat hätte man einfach alles zerstört. Als könne ein vor Jahrhunderten Verstorbener etwas für den Aberglauben der Priester.
»Mein Korb ist voll«, sagte Lesi. »Mutter kann davon Rotöl machen, das bis zum übernächsten Jahr reicht.«
»Ja, ich bin auch fertig. Und durstig. Mein Wasser ist leer.«
»Meins auch, ich könnte eine Pferdetränke austrinken.«
Adyra lachte. »Lass uns lieber was anderes trinken. Aber zur Abkühlung in eine zu hüpfen, wäre nicht schlecht.«
»Wir können heute badengehen. Der Weiher ist nicht tief.«
»Im Weiher baden? Du meinst nackt?«
Lesi lachte. »Du kannst natürlich auch mit deinen Kleidern ins Wasser steigen, aber das wäre seltsam.«
»Was, wenn uns jemand sieht?«
»Wenn du bis zum Hals im Wasser bleibst, sieht dich ja keiner. Wir nehmen die Jungs mit, die können aufpassen.«
»Lesi!«
Die Wirtstochter hatte in gespieltem Ernst gesprochen und konnte nun das Lachen nicht mehr unterdrücken. »Es gibt besondere Hemdchen um darin zu baden, du Dummchen. Kennst du das denn nicht?«
Beleidigt hob Adyra die Nase. Als Grafentochter hätte sie schließlich nie zum Baden in einem Weiher gehen dürfen. »Ich kann doch nicht alles kennen.«
»Ich leih dir eins«, sagte Lesi versöhnlich. »Komm, Mutter hat Limonade angesetzt. Wir dürfen bestimmt was davon haben.«

Lesis Bruder Manu, der beim Stallmisten und den Arbeiten am Haus ordentlich geschwitzt hatte, und Roja, der meinte, er sei ganz gar gekocht, waren begeistert. Sie liefen den Mädchen voran, zerrten Hemden und Hosen runter, und stürzten mit lautem Gejohle ins Wasser. Lesi rollte die Augen und Adyra grinste, sie folgten etwas langsamer. Im Gegensatz zu den Jungs, die in ihren Unterhosen badeten, mussten sie sich erst umziehen.
Adyra befand das Badehemdchen für ausreichend sittsam, um sich darin vor dem Bruder ihrer Freundin zu zeigen. Vorsichtig stieg sie ins Wasser. Sie hielt kurz inne, als der Sand des Weiherbodens zwischen ihren Zehen hervorquoll, das fühlte sich unvertraut an. Doch dann sank sie rasch in das kühle Wasser. Das war herrlich.
»War Gawen noch nicht da?«, fragte sie. »Er wäre bestimmt gern mitgekommen.«
Manu lachte schallend. »Mutter war sehr deutlich, als wir aufbrachen, um euch abzuholen. Sie wird unseren Gast empfangen und sich um ihn kümmern. Du glaubst doch nicht, dass sie ihn mit unserer Kleinen hier zum Baden lässt.«
Lesi schrie auf und spritzte ihrem Bruder Wasser ins Gesicht. »Von wegen Kleine und von wegen alles andere. Du hättest ja auch deine Freundin fragen können, ob sie mitgeht. Mutter würde dich lieber heute als morgen verheiraten.«
»Ich habe keine Freundin«, sagte Manu stur. »Und falls du Sali meinst, die heirate ich doch nicht. Die ist ja noch ein Kind.«
»Sie ist nur ein Jahr jünger als du.«
»Siehst du, ein Kind.«
Roja kommentierte das Gezanke der Geschwister mit einem amüsierten Schnauben und paddelte auf dem Rücken ein wenig weiter auf den Weiher hinaus. »Kommst du, Ady?«
Sie stellte sich auf die Füße. So nah am Ufer war das alles ja gut und schön, aber …
»Was ist denn?«
»Ich kann nicht schwimmen«, gestand sie verschämt.

Der Rest des Nachmittags verging mit Schwimmunterricht.
Mit den anderen an der Seite fühlte sich Adyra schließlich sicher genug, den Eisweiher einmal zu durchqueren.
»Gut gemacht!«, lobte Roja. »Ab jetzt gehen wir öfter schwimmen, wenn du willst.«
»Du kannst auch das Hemdchen behalten«, bot Lesi an.
»Danke, ich geb es dir zurück, sobald ich ein eigenes habe. Habt ihr eigentlich auch so einen Hunger?«
»Wie verrückt«, bestätigte Roja. »Das kommt vom Schwimmen.«
»Dann kommt mit zu uns«, sagte Lesi. »Kein Grund vorm heißen Ofen zu stehen, wenn Mutter ohnehin gekocht hat.«
»Sie kann es gar nicht abwarten, nach Hause zu kommen«, neckte Manu. »Nachsehen, ob der Silberfaller auch schon da ist.«
Lesi schlug mit einem nassen Handtuch nach ihrem Bruder. »Warte nur ab. Sali wird dich schon noch kriegen.«
Manu rollte die Augen und ging, ohne Antwort zu geben, voran. Die andern lachten und folgten ihm.